SaschaSchmidt.de Politisch-Theologischer Blog über Gott und die Welt

22Feb/12Off

Die dritte industrielle Revolution

Irgendwann zwischen September und November 2011 (die genaue Ausgabe weiß ich leider nicht mehr) wurde in einem Artikel des Handelsblatt für ein neues Buch von Jeremy Rifkin geworben: Die dritte industrielle Revolution.
Mein Interesse war sofort geweckt, aber es war Anfang 2012, bevor ich mir das Buch dann tatsächlich besorgt und gelesen habe. Es hat sich durchaus gelohnt, die Zeit zu investieren, konnte ich doch einige neue Gedanken oder zumindest Gedanken-Zusammenstellungen mitnehmen.

Rifkin beschreibt in dem Buch ein Bild der nächsten etwa 50 Jahre. Wir haben gerade die Weltwirtschaftskrise von 2008 hinter uns gelassen, schon stecken wir in der nächsten Krise: Euro-Schuldenkrise. Er stellt einen Zusammenhang her zwischen dem Ende des Ölzeitalters und eben diesen, immer häufigeren, Krisen. Die Frage, die er beantworten will, ist, was die Konsequenz aus Klimawandel und der Endlichkeit fossiler Energieträger auf unser Handeln sein sollte.
Wie der Titel des Buches schon sagt, zählt Rifkin bisher zwei industrielle Revolutionen - das Zeitalter der Kohle, Dampfmaschinen, Telegraphen und der Eisenbahn sowie das Ölzeitalter mit dem Protagonisten Automobil - und beschreibt in seinem Buch, wie die dritte industrielle Revolution aussehen könnte. Fünf Säulen sind danach nötig und müssen zeitgleich realisiert werden, damit es "funktioniert":

  1. Umstieg auf erneuerbare Energien
  2. Gebäudebestand zu Kleinkraftwerken ausbauen
  3. Speichertechnologien (z.B. Wasserstoff) in Gebäuden und Mobilität implementieren um überschüssige Energie zu speichern
  4. Nutzung von Internet-Technologie für dezentralen Energieaustausch und
  5. Umstellung der Fahrzeugflotte auf Brennstoffzellen- und Elektroantriebe, die an ein Smart-Grid angeschlossen werden können

Einen großen Schwerpunkt legt Rifkin auf Dezentralisierung, weg von den Zentralen Machtapparaten der Wirtschaft und Energieerzeugung hin zu regional verteilten Systemen.
Um das alles realisieren zu können, schlägt er auch vor, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik (Entropie) in Wirtschaftsmodelle mit aufzunehmen. Dadurch könnten Folgen des Wirtschaftens für die Umwelt internalisiert werden.
Die Folge der Dezentralisierung ist für Rifkin generell eine viel weitere Vernetzung und eine Verschiebung oder neu-Definition des Eigentum-Begriffs. Besitz oder Eigentum werden demnach eine zunehmend untergeordnete Rolle gegenüber Zugangsrechten zu den Netzwerken spielen.
Interessant bzw. herausfordernd ist seine abschließende Zukunftsvision für die Zeit nach etwa 2050, eine Zeit, die er das kolaborative Zeitalter nennt. Dann, so Rifkin, werden dank fortgeschrittener Automatisierung keine Massen an Industriearbeitern mehr gebraucht und der dritte Sektor wird Schwerpunkt der Beschäftigung sein. Zwar hatte er das wohl nicht beabsichtigt, aber meine erste Assoziation zu diesem Thema (einer Zeit, in der alle wesentlichen Problem beseitigt wären - es handelt sich ja um eine Zukunftsvision) sind die degenerierten Zukunftsmenschen (wegen intellektueller Unterforderung) in H.G. Wells "Die Zeitmaschine".

Zusammenfassend würde ich sagen, die Lektüre lohnt sich für jeden politisch interessierten Menschen, der sich ernsthaft Gedanken über die Zukunft macht. Ob man jetzt allen Thesen des Buches zustimmt ist zweitrangig, die Gedanken, die angestoßen werden sind jedenfalls interessant. Gerade die fünf Säulen seines Modells klingen für mich allerdings sinnvoll.

Übrigens hat sich bereits 2008 Sigmar Gabriel, damals Bundesumweltminister, zu diesem Thema geäußert. So sehr viel hat sich seit dem leider wohl nicht mehr getan - zumindest habe ich nichts neueres gefunden. Aber auch Gabriel stellt in seiner Rede fest, dass Evolution, also einfach Weiterentwicklung, nicht reicht, dass vielmehr eine Revolution nötig ist. Darin stimmt er mit Rifkin überein.

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